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Medienflut

„Was als ein Strom nützlicher Informationen begann, hat sich inzwischen in eine Sturzflut verwandelt.“ Das Zitat stammt vom amerikanischen Medienkritiker Neil Postman. Kennen Sie nicht? Sei’s drum. Interessant ist ohnehin weniger, wer diesen Satz sagte, sondern wann. Er könnte gestern gefallen sein, oder? Dazu später mehr. Denn passend zur... Postmanschen Erkenntnis sind die Ergebnisse der Online-Rechercheplattform ResponseSource.de, die rund 1.300 hauptberufliche Journalisten aller Mediengattungen nach ihrem Arbeitsalltag befragt hat und wie sie in der Regel Informationen verarbeiten. Die Ergebnisse sind mehr als überraschend.

Es fällt mir selbst schwer, mich an die Zeit vor dem Internet zurückzuerinnern bzw. zu verstehen, wie die mediale Arbeit funktioniert haben muss, sei es in der PR, im Tagesjournalismus oder in rechercheintensiven Berufen allgemein. Der moderne Mensch von heute weiß so viel wie nie – und doch so wenig. Anders sind die Ergebnisse der ResponseSource-Umfrage kaum zu deuten. Eine der Schlussfolgerungen der Studie lautet: „Der Nutzen des Internets liegt für Medienmacher noch weitgehend brach.“ Wie bitte? Der Nutzen unserer Hauptinformationsquelle Internet liegt brach?

Bei näherem Überlegen kann man die Frage auch für sich selbst schnell bejahen. Denn geht es uns nicht fast allen so: Natürlich haben wir mehr Informationen zur Verfügung denn je. Man muss heutzutage nicht lange dumm bleiben, heißt es oft. Aber trotz der Ausweitung des Internets dauert ein Tag weiterhin nur 24 Stunden. Und ein durchschnittlicher Arbeitstag in der Regel nur zwischen acht und neun Stunden; kaum genug, um die Masse der Informationen zu verarbeiten, die über Nachrichtenseiten, Facebook, Twitter, E-Mail etc. auf uns einprasseln. Die Folge ist oft: Man schnappt viel auf, weiß in der Breite über vieles Bescheid, im Detail jedoch nicht. Das Wesentliche geht oft verloren. (Fach)Artikel, Berichte, Texte im Allgemeinen werden oberflächlicher. In den vergangenen Jahren hört man nicht umsonst vermehrt den Ausdruck „gefährliches Halbwissen“.

So viele Informationen wie nie – allein die Zeit zur Verarbeitung fehlt
Die Studie besagt: „Journalisten recherchieren täglich im Schnitt 163 Minuten. Mit umgerechnet 2 Stunden und 43 Minuten entspricht dies in etwa einem Drittel eines achtstündigen Arbeitstages. Nach ihrer Einschätzung gefragt, ob sie genügend Zeit für Recherche hätten, gaben mit 61 % eine deutliche Mehrheit an, dass sie häufig zu wenig Zeit für weitergehende Recherchen hätten. Nur 19 % widersprachen der Aussage und gaben an, dass sie genügend Zeit für tiefgehende Recherchen hätten.“Die überwiegende Mehrheit der Befragten recherchiert online, vor allem zur Ermittlung von Quellen und Kontaktdaten (85 %) sowie zum Einholen von Informationen und Zusatzmaterial (84 %). Zur gründlichen Recherche komplexer Sachverhalten nehmen sie sich jedoch weit weniger Zeit.

Vielleicht sollten wir uns aber mal wieder mehr Zeit nehmen. Ich nehme die PR-Arbeit da nicht aus. Würden wir nicht alle von besser recherchierten, fundierten Texten profitieren? Loben wir nicht häufig insbesondere Arbeiten, bei denen man merkt: Hier hat der Autor sich aber viel Zeit genommen? Auch interessant: Über ein Drittel der Befragten würde als Leser kein Geld für die Online-Ausgabe ihres eigenen Mediums bezahlen. Warum nicht? Vielleicht weil die Artikel zu schlecht recherchiert sind?

Ach, und um die Anfangsfrage aufzulösen: Neil Postman, 1931 geboren und 2003 gestorben, kam Mitte der 80er Jahre zu der von ihm geäußerten Erkenntnis – also weit vor der breitenwirksamen Internetnutzung und der medialen Machtübernahme von Facebook, Twitter & Co. Was würde er nur heute sagen?